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07.05.2019 21:21 Alter: 43 days
Kategorie: BG

Prof. Dr. Daubenfeld: „Wir können den Kunststoffen nicht entkommen“

Für die Grund- und Leistungskurse der Chemieklassen der Peter-Paul-Cahensly-Schule Limburg gab Prof. Dr. Daubenfeld von der Hochschule Fresenius aus Idstein einen Einblick in die Welt der Kunststoffe.


In einem begeisterten Vortrag von Prof. Dr. Thorsten Daubenfeld vor den Schülerinnen und Schülern der Chemiekurse der Jahrgangsstufen 12 und 13 der Peter-Paul-Cahensly-Schule sollte der Frage nachgegangen werden, ob Kunststoffe ein Fluch oder Segen für unsere Gesellschaft sind.

Jahr für Jahr entstehen allein in Deutschland ca. sechs Millionen Tonnen Kunststoffabfälle, wovon rund zwei Drittel für die Energieversorgung verwendet werden. Nur ein geringer Anteil werde nach Aussagen des Chemiexperten recycelt. Aus europäischer Sicht sei Tschechien mit einem Anteil von 50 Prozent im Recycling führend.

Kunststoffe keine Erfindung der Neuzeit

Die erste Menschheitsgruppe, die sich mit der Herstellung von Kunststoffen beschäftigte, waren die in Mittelamerika angesiedelten Mayas. Schon vor tausenden von Jahren stellte diese indigene Hochkultur aus dem „weinenden Holz“, bekannt als Kautschuk, Gummi her. Mithilfe des Prinzips der Vulkanisation, ein durch den US-Amerikaner Charles Goodyear 1839 entwickeltes chemisch-technisches Verfahren, wird Kautschuk unter Einfluss von Zeit, Temperatur und Druck widerstandsfähig und haltbarer gemacht. Noch heute wird diese Methode bei der Reifenproduktion angewandt.

Mit der Entdeckung der Makromolekühle durch den deutschen Chemiker Hermann Staudinger in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, startete die Expansion der Kunststoffindustrie. Zwar stieß der Nobelpreisträger Staudinger damals auf großen Widerstand unter seinen Forscherkollegen, doch setzten sich letztendlich seine Theorien durch.

Poly…was?

„Kunststoffe sind nicht gleich Plastik“, gab der Dozent für Physikalische Chemie, Prof. Dr. Daubenfeld, den interessierten Schülerinnen und Schülern zu verstehen. Der Begriff Plastik sei eine umgangssprachliche Bezeichnung für Kunststoffe aller Art, die aus dem Rohstoff Erdöl (synthetisch) oder durch Modifikation natürlicher Polymere (halbsynthetisch) produziert würden. Diese Festkörper werden zu Formteilen, Fasern oder Folien weiterverarbeitet.

Nach der Entdeckung der Kunststoffe, den „Polys“, mussten diese verschiedenen Ansprüchen genügen. „Unsere Mülltonnen und Benzinkanister werden aus Polyethylen hergestellt, während das Geo-Dreieck für den Mathematikunterricht aus Polystyrol gefertigt wird“, so Daubenfeld, der neben seiner Lehrtätigkeit gleichzeitig das Amt als Dekan im Fachbereich Chemie und Biologie an der Hochschule Fresenius ausübt. Als weitere Form von Kunststoff erläutert Daubenfeld das Polymethylmethacrylat, das auch als Plexiglas bezeichnet wird. So ist etwa das Münchener Olympiastadion aus dem hoch belastbaren Material hergestellt.

Kein Entkommen vor Kunststoffen

Ob morgens beim Zähneputzen unter Verwendung einer Zahnbürste, das Schreiben mithilfe eines Kugelschreibers, ein Hausbau mit Dämmmaterialien oder die wärmende Jacke: „Wir können den Kunststoffen nicht entkommen“, so Daubenfeld. „Ein Leben, das völlig frei von Kunststoffen sein wird, gibt es nicht“. Kunststoffe sind heute ein riesiger Wirtschaftsfaktor, die in allen alltagsrelevanten Brachen verwendet würden. Allein 40 Prozent des produzierten Kunststoffes werde an die Verpackungsindustrie geliefert.

Seit 1950 ist die weltweite Produktionsmenge von Kunststoff um das einhundertfache angestiegen. Und ein viel zu großer Teil davon landet im Meer. Daubenfeld: „Wir Chemiker sind vielleicht Teil des Problems – aber auf jeden Fall Teil der Lösung“. Klassische Herangehensweisen wie zum Beispiel die stoffliche Verwertung (recyceln) oder die thermische Verwertung (Verbrennung) würden immer mehr in Frage gestellt. Ob kompostierbare Kunststoffe, so genanntes Bioplastik, sich als dauerhaft ökologisch bezeichnen lassen, werde die Zeit zeigen.